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v.l.: Marc Rennen (Stadtsparkasse MG), Klaudia Rudat (stellv. Vorstandsvorsitzende Reha-Verein), Sascha Schallenburger (Bereichsleitung Tagesstruktur Reha-Verein). Foto © Denise Brenneis (Reha-Verein)

September 2020 | Anzeige

U25 - Das Leben in die richtige Linie bringen

Ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, vielleicht ohne Wohnung, mit finanziellen Problemen, Drogen, psychischen Krisen...

Wer schon in jungen Jahren mit mehreren dieser Probleme zu kämpfen hat, findet sich oft vor fast unlösbaren Hindernissen. Die sozialen Systeme scheinen keine Hilfe zu bieten und manche „tauchen“ regelrecht ab. Je länger diese Phasen dauern, desto schwerer fällt der Weg zurück ins normale Leben.

Hier setzt das Kooperationsprojekt von Reha-Verein, Jobcenter und Jugendamt Mönchengladbach an: diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erreichen, die sich außerhalb aller Hilfesysteme bewegen. Der neue § 16h Sozialgesetzbuch II macht eine entsprechende Finanzierung und Förderung möglich und das Jobcenter Mönchengladbach gab den entscheidenden Anstoß.

Wie sieht das Projekt konkret aus?

Als erstes braucht man eine Anlaufstelle, wo man einfach ohne Anmeldung und Formalitäten hingehen kann. Ohne bezahlen zu müssen einen Kaffee oder etwas Kaltes trinken, einfach sitzen bleiben und ausruhen können, das ist für Jugendliche, die auf der Straße leben, nichts Selbstverständliches. Aber auch ein offenes Ohr und konkrete Hilfestellungen gehören dazu. Genau das findet man seit dem 01. Juli auf der Lüpertzender Straße 125 im neuen Kontakt- und Beratungscafé des Reha-Vereins.

Neben dem großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoß, in den auch eine kleine Küche integriert ist, gibt es ein Beratungsbüro für vertrauliche Gespräche. Der Gemeinschaftsraum ist zwar noch nicht vollständig ausgestattet, aber das stört weder Gäste noch Betreuer*innen, im Gegenteil. „So kann jeder seine Ideen und Wünsche einbringen und mitgestalten,“ erklärt Tobias Henke, der als Sozialarbeiter das Projekt koordiniert. „Auch bei den Freizeitangeboten sind Ideen und Vorschläge erwünscht.“

Was denn schon geplant ist? „In unserer neuen Küche bietet sich natürlich gemeinsames Kochen an, vielleicht auch mal Grillen im Hof hinter dem Café. Spielen, Musik hören, einfach nur chillen, aber auch gemeinsame Gespräche“… Für diejenigen mit höherem Bewegungsdrang soll es einen Basketballkorb im Hof geben. Die Räume des STEP auf der Stepgesstraße, das direkt um die Ecke liegt, können mit genutzt werden, inklusive Kicker, Box-Sack und ähnlichem.

Und wer mehr braucht?

Gerade in der Altersgruppe der unter 25jährigen gibt es viel versteckte Wohnungslosigkeit: Schlafen beim Kumpel auf der Couch, von Unterkunft zu Unterkunft ziehen. Manche schlafen auch einfach im Eingangsbereich von Geschäften oder im Sommer im Park. Auch hier setzt U25 an: Eine dauerhafte Unterkunft kann und soll das Projekt nicht bieten, aber im Haus auf der Lüpertzender Straße 125 gibt es eine Krisenwohnung, in der man zur Ruhe kommen und einfach mal ausschlafen kann. Die Wohnung im ersten Stock ist freundlich eingerichtet, mit Dusche und Toilette sowie einer kleinen Kochecke. Was auffällt ist die „wertige“ Ausstattung. „Wir wollen zeigen, dass wir unseren Gästen Respekt entgegenbringen. Sie sollen sich bei uns wohlfühlen und zur Ruhe kommen.“ Essen und Trinken sowie Wäsche waschen ist natürlich im Gesamtpaket enthalten. Apropos Paket: ein kleines Hygienepaket gibt es auch – mit allem, was zur Köperpflege dazu gehört. Was aber immer vorab geklärt wird ist, ob es sinnvoll ist, jemanden in seiner aktuellen Situation dort unterzubringen. Wer sich zum Beispiel in einer akuten Krise befindet und vielleicht sogar suizidgefährdet ist, darf dort nicht allein bleiben. Dann werden andere Hilfen gesucht.

Was ist das Ziel?

„Wir wollen Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützen, den Weg zurück in ein „normales“ Leben mit einer gesicherten Existenz zu finden“, erklärt Sascha Schallenburger, Bereichsleiter im Reha-Verein und Verantwortlicher für das Projekt. „Wir möchten Vertrauen aufbauen, Perspektiven aufzeigen und Unterstützung leisten.“ Dass dabei nicht alles auf einmal geht, ist allen Beteiligten klar. „Ein Dach über dem Kopf und regelmäßig etwas zu Essen ist der erste Schritt, und dazu die Hilfen beantragen, die erforderlich und möglich sind. Dazu arbeiten wir eng mit Jugendhilfe und Jobcenter zusammen. Unser Ziel ist es, die jungen Menschen, die zu uns ins Projekt kommen, ans Fallmanagement des Jobcenters heranzuführen oder sie wieder dorthin zurückzuholen, wenn sie zeitweilig abgetaucht waren.“ Und wenn das alles klappt: vielleicht irgendwann eine Ausbildung oder Arbeitsstelle.

Und wie erreicht man die Zielgruppe?

„Vieles läuft über Mund-zu-Mund Propaganda, auch über soziale Netzwerke, vor allem über WhatsApp, aber auch Facebook und Instagram. Manche stehen erst mal auf der anderen Straßenseite und sichten die Lage, bevor sie sich reintrauen“, erzählt Pia Kelzenberg, ebenfalls Mitarbeiterin im Team. Ein ganz wichtiger Teil des Projekts wird das Streetwork sein, zunächst sind bis zu fünf feste Touren geplant. „Die Jugendlichen treffen sich eher in Parks, an einer Skaterbahn oder z.B. am Schillerplatz, wo gemischte Grüppchen mit Studierenden und anderen jungen Erwachsenen zu finden sind. Und genau auf diese Treffpunkte stimmen wir unsere Routen ab,“ ergänzt sie. Immer zwei Mitarbeiter*innen gehen zusammen auf Tour, Tipps zu Treffpunkten und Anlaufstellen gibt es z.B. von den Bezirkspolizisten, aber auch vom STEP und anderen Jugendeinrichtungen, mit denen eine enge Kooperation besteht.

Am 11. August wurde das Projekt im Jugendzentrum STEP vorgestellt. Klaus Röttgen, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie bei der Stadt Mönchengladbach eröffnete die Veranstaltung. Er betonte, wie wichtig es sei, sich um diejenigen zu kümmern, die zwar besondere Hilfen bräuchten, die Angebote aber nicht annähmen. „Unser Ziel ist natürlich auch, dass sie nicht dauerhaft auf der Straße leben. Aber es geht ausdrücklich nicht vorrangig um Kosten und Transferleistungen, sondern letztlich um Menschenwürde“, erklärte er.

Drei vorrangige Ziele des Kooperationsprojektes nannte er: zunächst die jungen Menschen zu erreichen, dann längerfristig tragfähige Beziehungen aufzubauen und letztlich sie zur Annahme von Sozialleistungen hinzuführen. Alles mit dem übergeordneten Ziel eines späteren eigenständigen Lebens. Sascha Schallenburger als Vertreter des Reha-Vereins stellte die Schwerpunkte des neuen Vorhabens vor: die aufsuchende Arbeit (Streetwork), die zwanglose Anlauf- und Kontaktstelle und die unerlässliche Netzwerkarbeit mit verschiedensten Partnerorganisationen in Mönchengladbach. Dass ein solches Projekt gerade in dieser Stadt mit ihrer nicht ganz einfachen Sozialstruktur dringend gebraucht wird, darin waren sich alle Anwesenden einig und begrüßten es einhellig.

Auch die Stadtsparkasse Mönchengladbach unterstützt das Vorhaben: Marc Rennen, stellvertretender Abteilungsleiter Firmenkunden Center der SSK MG, überreichte einen Scheck über 10.000 Euro aus dem PS-Zwecksparen für die Ausstattung des Cafés auf der Lüpertzender Straße. Alle sind gespannt, wie es im Förderzeitraum der nächsten drei Jahre weitergeht.

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