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Medizin + Co Magazin

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Juni 2020

Wir haben keine zeit uns zeit zu nehmen

Medizinisches Krafttraining

Wenn ich Sie fragen würde, was die wichtigsten Dinge für Sie in Ihrem Leben sind, wären vermutlich die häufigsten Antworten: Ihre Gesundheit, gute Beziehungen zu Freundinnen/Freunden, den eigenen Kindern oder Arbeitskollegen zu haben und ein sicherer Arbeitsplatz.

Sie würden niemals sagen, dass Sie regelmäßig zum Arzt gehen möchten, Kortison-Spritzen gegen Ihre wiederkehrenden Rückenschmerzen haben wollen oder Sie wöchentlich zum Physiotherapeuten oder Osteopathen gehen müssen, damit er Ihren Rücken „wieder geraderückt“.

Doch wie viele Menschen verbringen ihre Zeit genau mit diesen Dingen?

Es existiert eine schreckliche Differenz zwischen dem, was wir sagen und uns wünschen, zu dem, was wir tatsächlich machen.

Was ist Ihnen wichtiger?

Wir wissen alle, dass Krafttraining für eine hervorragende Leistung im Alltag, im Sport oder für einen gesunden Körper und Geist, unerlässlich ist.

Aber:

  • Wir wollen einen gesunden Rücken, ohne den Preis der Anstrengung dafür zu zahlen.
  • Wir wollen weniger Rückenschmerzen, ohne etwas pro-aktives dafür zu tun.
  • Wir wollen die qualitativ beste Trainingstherapie, ohne viel Geld auszugeben.
  • Wir wollen schnelle Ergebnisse, ohne viel Zeit zu investieren.

Je mehr die Menschen auf schnelle Lösungen setzen und sich auf die akuten Probleme und Schmerzen konzentrieren, desto schlimmer wird die chronische Ursache. Zur Bekämpfung wird eine Armada von medizinischen und therapeutischen Interventionen aufgefahren, um den Zenit der Schmerzproblematik innerhalb von kürzester Zeit zu neutralisieren.

Und wenn der Physiotherapeut es nicht innerhalb von sechs Sitzungen schafft, Ihre Schmerzen zu beheben, dann kann er/sie auch nichts taugen. Dass Sie monate- oder jahrelang gegen diesen Zustand nichts Aktives getan haben, wird gerne außer Acht gelassen.

Wenn wir glauben, das Problem und die Lösung seien da draußen, ist genau dieser Gedanke das Problem!

Ich möchte Ihnen eine wahre Geschichte erzählen, die ich in meinen ersten Jahren als Physiotherapeut bei meinem alten Arbeitgeber erleben durfte. Leider steht diese Geschichte repräsentativ für die Herangehensweise vieler Menschen da draußen:

Zur Behandlung kam ein Mitte 50-jähriger Mann, Lokführer der Deutschen Bahn, der über regelmäßig stark verspannte Nackenmuskulatur berichtete. Diese sei, nach seinen eigenen Schilderungen, teilweise so stark gewesen, dass er eines Abends sogar ins Krankenhaus fahren musste. In unserem Erstgespräch stellte ich einige allgemeine, offene Fragen und wurde durch seine Antworten zunehmend präziser in meiner Fragestellung.

Seit ca. 6 Monaten hatte dieser Mann diese schmerzhaften Verspannungen und der wahre Auslöser seiner Schmerzproblematik, war ihm nicht bekannt. So begann ich meine Behandlung und fing an mit einer sanften Traktion der Halswirbelsäule (im Volksmund auch besser bekannt als „Langziehen“). Wir unterhielten uns über die unterschiedlichsten Dinge, doch es kristallisierte sich zunehmend heraus, dass sein ganzer Tagesablauf sich nur noch um seine Nackenproblematik drehte. Während unserer zweiten Sitzung, fragte mich der Patient eine (in meinen Augen) ganz entscheidende Frage:

„Kann es sein, dass meine Nackenprobleme auch psychisch bedingt sein könnten?“ Meine Antwort: „Auch das sollte man durchaus in Betracht ziehen.“ Die darauffolgende Antwort des Patienten, war in meinen Augen die Wurzel seines Problems: „Vor ca. einem halben Jahr, bevor meine Nackenprobleme anfingen, hat sich ein Mensch vor meinen Zug geschmissen.“

Ich ließ seine Aussage für einen kurzen Moment nachwirken und legte ihm nah, dass er vermutlich noch etwas aufarbeiten müsse und dass das seine (psychosomatischen) Nackenprobleme erklären würde.

Eines Morgens, wenige Tage nach unserem gemeinsamen Termin, stellte ich bei der Durchsicht meiner wöchentlichen Patientenplanung fest, dass all seine vereinbarten Termine zu einer Kollegin gelegt worden waren. Terminiert wurden die Behandlungen darüber hinaus auch so, dass der Patient mir garantiert nicht mehr über den Weg laufen würde.

Nach Rücksprache mit meiner damaligen Kollegin, schilderte sie mir, dass der Patient sich zwar mit meiner beschriebenen Vermutung auseinandergesetzt hatte, es in seinen Augen nicht die eigentliche Ursache sei.

Für eine harmonievollere, verständliche, respektvollere und freundlichere Kommunikation sollten wir immer versuchen, die Dinge durch die Brille seines Gegenübers zu betrachten.

Was für ihn richtig und wichtig ist, kann für Sie falsch und unwichtig sein. Und das Besondere dabei: Sie beide haben Recht!

Viele Jahre nach diesem Gespräch mit diesem Menschen habe ich mich gefragt, ob er sich wirklich für meinen Lösungsvorschlag öffnen konnte oder ich ihm durch eine Nuance in meiner damaligen impertinenten Art der Kommunikation das Gefühl der Wertung, Etikettierung oder Bagatellisierung vermittelt habe. Mir fehlten als junger Mann die Fähigkeit des empathischen Zuhörens, der ehrliche Wille und die Geduld, diesen Menschen richtig verstehen zu wollen. Doch gerade was die Kommunikation betrifft, weiß ich heute, dass man IMMER mit den Ohren, den Augen und dem Herzen zuhören sollte. Wenn Sie sich das nächste Mal mit einem Ihrer Freunde unterhalten und er/sie beispielsweise von seinen Nackenverspannungen erzählt, dann bügeln Sie diese Aussage nicht nieder mit „Och das habe ich auch, nur viiiieeelll schlimmer! Was mir hilft ist …“, sondern hören Sie ihm/ihr zu. Vielleicht hat er/sie ernsthafte Probleme zuhause mit dem Partner oder wird am Arbeitsplatz gemobbt. Es wäre eine Schande, wenn Sie diesem Hilferuf keiner Aufmerksamkeit schenken würden. Sobald Ihr Gegenüber spürt, dass Sie ihm verständnisvoll zuhören, fühlt er sich angenommen und wird viel aufgeschlossener.

Für mich war der Lösungsansatz in der oben beschriebenen Geschichte klar: Dieser Mann benötigte Hilfe von einem Psychologen! Das war meine Brille, durch die ich die Welt betrachtete, und ich hielt es nur für richtig, ihm diese ebenfalls aufzusetzen, weil das der einzig richtige Lösungsansatz zu sein schien.

Doch die Gleichung ging aus dem Grund nicht auf, weil es MEIN Lösungsansatz war. Seinen kannte ich nicht, weil ich mir und ihm nicht die Chance gegeben habe, seinen Standpunkt und seine Sichtweise wirklich verstehen zu wollen. Stattdessen habe ich seine Aussagen gewertet und im Nachhinein sein Verhalten verurteilt und pauschalisiert. Und der Weg zwischen der Bewertung und Verurteilung ist kurz. Sehr kurz sogar.

Hätte ich heute einen besseren Zugang zu diesem Menschen? Möglicherweise. Ist die oben beschriebene Verhaltensweise des Patienten sinnbildlich für die Herangehensweise vieler Menschen? Leider ja.

Die Menschen suchen den Ursprung der Probleme häufig erst woanders, bevor sie bei sich selbst suchen. Wenn Sie Ihr Leben in kleinen Schritten verändern wollen und ein gesünderes Leben führen möchten, sollten Sie mit Ihrem Verhalten und Ihrer Denkweise beginnen, wie Sie die Probleme sehen und welche Lösungen für Sie bereitstehen. Nicht jeder muss zu einem Psychologen, wenn er Rückenschmerzen oder Nackenverspannungen hat. Doch wer gewohnheitsgemäß die Prinzipien des körperlichen Wohlbefindens verletzt, zu wenig Sport treibt und sich nicht vernünftig ernährt, riskiert, krank und schwach zu werden. Der größte Segen, den Sie durch ein regelmäßiges Krafttraining erzielen können, sind Unabhängigkeit, ein verbesserter Gesundheitszustand, mehr Willenskraft, eine erhöhte körperliche und mentale Leistungsfähigkeit, eine gesteigerte Selbstachtung, mehr Selbstvertrauen und eine bessere Körperhaltung. Dauerhaft erhalten Sie phänomenale Ergebnisse.

Welche positiven und eindrucksvollen Auswirkungen 3-6 Stunden Sport pro Woche auf Ihre übrigen 162 -165 Stunden pro Woche haben können, habe ich in der letzten Ausgabe des Hindenburger aufgelistet.

Deswegen konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Sie kontrollieren können und die in Ihrem Einflussbereich liegen. Machen Sie sich nicht abhängig. Denn Abhängigkeit ruft meist Hilflosigkeit hervor!

Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit, Energie und Zeit auf Ihren Einflussbereich richten, schalten Sie den Unvorhersehbarkeitsfaktor automatisch aus und Sie haben mehr Kontrolle über Ihre Zukunft und Ihren Gesundheitszustand.

Sie haben nur diesen einen Körper!

Sie allein tragen für dessen Funktionsfähigkeit die volle Verantwortung und haben auch allein mit allen Konsequenzen des Nicht-Nutzen zu leben.

Wir können unser Handeln kontrollieren, aber nicht die Konsequenzen unseres Handelns.

Deswegen frage ich Sie: Welch eine Sache müssen Sie in ihrem Leben verändern, um die größtmögliche positive Wirkung zu erzielen?

Ihr Sebastian Jurochnik
Dein Alltag formt deine Gesundheit.

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