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3. Quartal 2019 | Anzeige

Hörsturz-Therapie

HNO-Klinik Mönchengladbach ist zertifiziertes Studienzentrum

Jedes Jahr erleiden etwa 150.000 Menschen in Deutschland einen Hörsturz. Plötzlich hören sie auf einem Ohr nichts mehr oder nur noch stark gedämpft. Häufig werden auch plötzlich Ohrgeräusche wie etwa ein Fiepen oder ein Druckgefühl im Ohr bemerkt. In seltenen Fällen fällt das gesamte Innenohr aus, die Patienten leiden dann zusätzlich unter heftigem Drehschwindel.

Obwohl das Krankheitsbild bereits seit Langem bekannt ist, wissen auch Fachleute nur wenig über die Ursachen eines Hörsturzes. Sie vermuten, dass Durchblutungsstörungen im Innenohr die Symptome auslösen. Aber auch Erkrankungen des Innenohrs und Infektionen werden als Ursachen diskutiert. Oft wird auch Stress als Auslöser für einen Hörsturz wahrgenommen. Auch wenn ein Hörsturz kein Notfall ist, so sollten Betroffene möglichst zeitnah ärztlichen Rat einholen – unter anderem um auszuschließen, dass andere schwerwiegende Erkrankungen die Symptome verursachen.

Ein leichter Hörsturz kann auch ohne Therapie wieder ausheilen. Menschen mit schwereren Verläufen erhalten hingegen eine medikamentöse Therapie, meist mit hoch dosiertem Kortison. Ob dies allerdings wirklich wie gewünscht wirkt, ist wissenschaftlich derzeit nicht ausreichend gesichert.

„Das Dilemma ist die verzweifelte Situation bei unseren Patienten, die zum Teil extrem unter dem plötzlichen Hörverlust leiden und von uns Hilfe erwarten“, so Professor Jochen Windfuhr, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Chefarzt der HNO-Klinik der Kliniken Maria Hilf. „Auf der Suche nach der optimalen Dosierung für die Hörsturztherapie ist es absolut sinnvoll, dass sich viele HNO-Fachkliniken zusammentun, um dies in einer deutschlandweiten Hörsturz-Studie namens HODOKORT herauszufinden. Das ist allerdings mit einem erheblichen Aufwand verbunden, denn hierfür mussten wir uns erst einmal zertifizieren lassen, Personal qualifizieren, Studienprotokolle einführen, Medikamente lagern und vieles mehr“, erfahren wir von dem HNO-Mediziner.

Der Aufbau der Studie sieht vor, dass alle Studienteilnehmenden über einen Zeitraum von zehn Tagen Kortison erhalten. Unterschiedlich ist dabei allerdings die Dosierung: Während einige Teilnehmenden die internationale Standarddosierung erhalten, werden andere mit der in Deutschland üblichen – höheren – Wirkstoffmenge behandelt. „Wir gehen davon aus, dass beide Therapieformen wirksam sind. Was wir allerdings nicht wissen ist, ob die höhere Dosierung für die Erkrankten von Vorteil ist – oder ob sie eventuell mit Nebenwirkungen einhergeht, die bei der Standarddosierung nicht auftreten“, erläutert Professor Windfuhr. Daher untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur, welche Dosierung besser wirkt, sondern auch, wie sich die unterschiedlichen Dosierungen des Kortisons beispielsweise auf den Blutdruck und den Blutzucker der Patienten auswirkt. Denn auch hierzu existieren bislang noch keine verlässlichen Daten. Dabei sind diese Erkenntnisse nicht nur für die Hörsturz-Therapie von großem Interesse. Denn auch andere Erkrankungen werden mit hoch dosiertem Kortison behandelt, beispielsweise Autoimmunerkrankungen wie multiple Sklerose und rheumatoide Arthritis.

Die HODOKORT-Studie umfasst noch einen weiteren Aspekt, der für die Betroffenen von großem Interesse sein kann, denn es wird getestet, ob die Gabe als Tablette genauso wirksam wie die Gabe über die Vene ist. Sollte sich dies bestätigen, so könnte den Betroffenen zukünftig die unangenehmen Infusionen erspart bleiben. Damit die Ergebnisse der Studie nicht unbewusst durch das Studienteam oder durch die Erwartungshaltung der Teilnehmenden beeinflusst werden, weiß bis zum Ende der Studie niemand, wer welche Medikamentendosis über welchen Einnahmeweg erhält. Patientinnen und Patienten, die beispielsweise ihr Medikament in Tablettenform einnehmen, erhalten daher zusätzlich eine wirkstofffreie Infusion – und umgekehrt.

Bessert sich die Hörminderung trotz der medikamentösen Therapie nicht, so wird meist ein Hörgerät erforderlich. „In schweren Fällen bleibt das Ohr aber auch taub, dann resultiert eine bleibende Hörbehinderung. Es gibt zwar spezielle Hörgeräte, mit denen man annähernd ein räumliches Hörvermögen herstellen kann, das betroffene Ohr bleibt aber dabei funktionslos. Bei gesundem Hörnerv kann man aber das funktionslose Innenohr mit einem Cochlea Implantat annähernd ersetzen. Hierbei wird in Vollnarkose ein Elektrodenträger in das Innenohr eingeführt, dass elektrische Impulse von einem Prozessor auf den Hörnerven weiterleitet. Damit haben wir HNO-Ärzte sehr gute Behandlungserfolge, das Hören mit einem Cochlea Implantat muss allerdings erst einmal wieder erlernt werden“ so Windfuhr weiter. „Während Taubheit früher als Schicksal betrachtet wurde ist es heute in vielen Fällen möglich, mit einem Cochlea Implantat zu helfen“, erfahren wir von dem Chefarzt, der gerade von einem Treffen der Studienleiter aus Berlin kommt. „Wir sind eines von 36 Zentren in Deutschland, die bisher Studiendaten geliefert haben und fest entschlossen, die Studie fortzuführen. Erfreulich ist hierbei die Unterstützung von niedergelassenen HNO-Fachärztinnen und Fachärzten, denn die Patienten müssen direkt zu uns ins Studienzentrum überwiesen werden, dürfen also nicht vorbehandelt sein“, so Windfuhr.

HODOKORT-Studie zur Hörsturz-Therapie hat bereits circa 239 von 312 notwendigen Patienten eingeschlossen Informationen zur HODOKORT-Studie werden über das Internet zur Verfügung gestellt und permanent aktualisiert (http://hodokort-studie.hno.org/). Ihre Ergebnisse könnten zukünftig dazu beitragen, Menschen mit einem Hörsturz wirksam und sicher zu behandeln. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Studie daher mit knapp zwei Millionen Euro.

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